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Sleeper
TPB #1: Out in the Cold



Sleeper: Out in the Cold TPB
Autor:
Ed Brubaker

Zeichner:
Sean Phillips

Cover:
Tony Avina

Preis:
$ 17,95

Erscheinungsdatum:
17. Dezember 2003



Sleeper ist eine dieser Serien, von denen man immer nur hört. Die Kritiker überschlagen sich, alle sind begeistert, DC wirbt mit Zitaten aus euphorischen Rezensionen... Jeder scheint darüber zu reden, aber irgendwie wird bei all der Begeisterung nie ganz klar, was daran so toll sein soll. Oder warum man das sich das Trade nun unbedingt zulegen sollte, das die erste Hälfte dieser 12teiligen Serie sammelt.

Die Handlung, in einigen Sätzen wieder gegeben, klingt ja ganz nett: Der Undercover-Agent Holden Carver soll die terroristische Verbrecherorganisation des Meta-Schurken Tao unterwandern. Er ist ein Schläfer, der sich durch den Tod vieler guter Menschen das Vertrauen seiner zweifelhaften neuen Arbeitgeber erschlichen hat. Das Problem an der ganzen Sache ist nur: Die einzige Person die weiß, dass er in Wirklichkeit immer noch für die guten Jungs arbeitet, liegt im Koma. Und könnte nie mehr erwachen. Langsam stellt sich für Carver die teuflische Frage, ob er überhaupt wieder die Seiten wechseln will.

Wie gesagt. Klingt nett. Kann man was draus machen. Und dann beginnt man zu lesen. Und zu lesen. Und hört nicht mehr auf. Und alles wird noch viel besser. Dass Ed Brubaker ein Genie ist, wissen wir (hoffentlich) alle. Scene of Crime war brillant, in Gotham Central leistet er zusammen mit Greg Rucka hervorragende Arbeit, und auch seine Batman-Stories war von erster Güte. Doch glaubt mir, nie zuvor war er derart in seinem Element wie hier. Nicht nur die übergeordnete Handlung, die wundervolle Prosa von Carvers Gedanken-Boxen, oder die einzigartige Charakterisierungen aller Akteure springen einem zunächst ins Auge. Es ist die progressive Erzählweise, die Art, wie Regisseur Brubaker seine Ideenflut komponiert, die einem vom ersten Augenblick an begeistert.

Die Handlung wird nämlich nicht chronologisch wieder gegeben. Es gibt wohl eine Vorgeschichte namens Point Blank, und Sleeper scheint auch fest im Wildstorm-Universum verwurzelt zu sein. Trotzdem bin ich ohne solche Vorkenntnisse an das Werk heran getreten, und hatte keinerlei Probleme. Oder, besser gesagt, ich hatte das besondere Vergnügen, mir den Kontext ganz langsam erschließen zu können.
Die erste Story versetzt Carver in eine Standart-Mission: Er soll heraus finden, ob ein Kollege von ihm, der sich Nihilist nennt, Doppelagent ist, und dann die geeigneten Maßnahmen treffen. Zum Schein schickt Tao die beiden auf einen Routineeinsatz, während dessen Carver den Nihilist als angeblichen Verräter töten muss – in Wirklichkeit ist er jedoch selbst der Maulwurf, doch seine Tarnung darf nicht auffliegen.
Während dessen lernen wir in immer wieder aufblitzenden Flashbacks kleine Scherben aus Carvers Leben kennen: Er hat „einen Zustand“, durch ein außerdimensionales Artefakt leitet sein Körper Schmerz in andere Personen ab, so ist er quasi unverwundbar. Wir erfahren von seinem „echten“ Vorgesetzten Lynch, der ihn in Taos Netzwerk geschmuggelt hat, und zu dem Carver gleichermaßen Loyalität und Hass verspürt. Und wir lernen Genocide kennen, einen weiteren Hauptmann Taos, der trotz seines sadistischen Wahnsinns auf seltsame Weise mit Carver befreundet ist. Der Handlungsbogen endet abgeschlossen: Carver tötet den Nihilist, und flieht in einem geistigen Gewitter aus Selbstverachtung, Resignation, und verbittertem Trotz.

So setzt sich die gesamte erste Hälfte von Sleeper fort. Brubaker beherrscht die äußerst seltene Kunst, abgeschlossene Handlungen in eine Einzelausgabe packen zu können. Das bedeutet nicht, dass man als Leser nicht immer tiefer und tiefer in die Welt von Tao eintauchen würde. Doch jede Ausgabe hat ihre eigene Pointe, ihren eigenen Konflikt, lässt einen sprachlos zurück. Und durch die ständigen Rückblicke, die perfekt ins Storytelling hinein passen, setzt sich Stück für Stück ein Puzzlebild zusammen. Man lechzt förmlich nach jeder neuen Information, erfährt ganz langsam immer mehr über Carvers Vergangenheit und Taos Netzwerk.

Gleichzeitig spitzen sich die Geschehnisse in der Gegenwart umbarmherzig weiter zu. Carver ist sich zu keinem Zeitpunkt sicher, ob der enigmatische, scheinbar allwissende Tao ihn nicht schon längst durchschaut und ausspielt. Trotzdem steigt er in der Organisation auf und besucht schon bald mit seinen Vorgesetzten eine geheime Konferenz der heimlichen Herrscher der Erde. Die „Sie“, von denen jede Verschwörungstheorie handelt, die angeblich überall ihre Finger im Spiel haben. Wir sind ihnen schon in Dutzenden anderer Comics begegnet, doch Brubaker bringt auch hier viele neue Ideen ins Spiel. Und während Tao weiter sein eigenes Spiel spielt, und Carver eine seltsame Affäre mit dessen rechter Hand und Gespielin Miss Misery beginnt sucht der Schläfer verzweifelt nach einem Ausweg und will sich gar einem Superhelden anvertrauen. Doch auch seine Freundschaft zu Genocide und eine unerwartete Begegnung mit einer Person aus seinem früheren Leben verkomplizieren den immer unüberschaubareren Alptraum, in den er geraten ist.

Die größte Stärke in Sleeper liegt – neben der meisterhaften Erzählweise – in der glaubhaften Darstellung seiner Akteure. Was ist es nur, das gerade die kaputten Typen so anziehend macht? Carver ist nicht nur in einer moralisch verschwommenen Alptraumwelt gefangen. Seit Jahren gibt es nichts mehr, dass ihn von den „Bösen“ unterscheidet. Kein Kontakt, keine Bestätigung, keine Aufmunterung dafür, dass seine Taten richtig sind. Darüber hinaus isolieren ihn seine Kräfte von der Außenwelt. Er nennt diesen Zustand seinen Fluch. Indem all seine Schmerzen absorbiert werden, hat er auch die Fähigkeit zu fühlen verloren. Die Mauer zwischen ihm und dem Rest der Welt wird immer größer.
Am meisten leidet er jedoch darunter, dass ihn dies weniger und weniger zu stören beginnt. Carver ist für mich einer der faszinierendsten Comic-Akteure, in deren Köpfe wir in den letzten Jahren blicken durften. Doch auch der Rest der dreckigen, intriganten Sleeper-Welt wird sehr eindringlich und überzeugend dargestellt. Kein Darsteller ist „einfach nur da“, notwendig, damit der Plot funktioniert – jeder hat seine Dämonen, und niemand ist „gut“ oder „böse“. Ja klar, das sollte in jeder anspruchsvolleren Geschichte so sein. Aber auf kaum eine trifft es so zu wie auf Sleeper.

Und dann sind da die Zeichnungen! Sean Phillips hat zusammen mit Kolorist Tony Avina eine beängstigende Noir-Welt geschaffen, die direkt aus einem dreckigen Gulli zu stammen scheint. Die Hintergründe zerfallen in Licht- und Schattenfragmenten, überall scheint Zwielicht die Darsteller in düstere Konturen zu hüllen. Seien es die kantigen Bulldozer-Konturen Genocides, das unnahbar-dämonische Lächeln Taos, das faltenzerfurchte Gesicht des krankhaften Steeleye, oder einfach der geheime Darsteller, das herunter gekommene New York mit seinen Gassen und Strip-Lokalen... Phillips lässt einen nicht mehr aus der Sleeper-Welt entkommen, wenn man einmal drin ist.

Natürlich ist dies bloß eine weitere Rezi, die Sleeper begeistert lobt. Ein weiterer Text, der versucht, Allen dieses Kleinod nahe zu bringen. Letztlich sind all die Worte jedoch sinnlos, da sie völlig an dem vorbei gehen, was Sleeper für mich so eindringlich gemacht hat: Die schaurige Begeisterung, der man sich nicht mehr entziehen kann, kaum dass man die ersten Seiten gelesen hat.
Und es gibt für euch nur einen Weg, wirklich herauszufinden, wovon ich rede. Ihr wisst, was ich meine...


Lukas "Ruppoman" Wilde


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