Autor:
Mark Millar
Zeichner:
Dave Johnson, Kilian Plunkett
Inks:
Walden Wong, Andrew Robinson
Erscheinungsdatum:
Juli-September 2003
Preis:
5,95 $/Ausgabe
Red Son Rising
Eigentlich muss man sich ja wundern, warum diese Idee erst jetzt geboren wurde. In den unmöglichsten Elseworld-Szenarien haben wir DC’s Vorzeige-Helden schon erlebt... Doch erst die geringfügigste Modifikation unseres klassischen Superman-Mythos führt zur wohl beängstigendsten Schreckensvision des Stählernen: Die Rakete, die ihren Passagier zum Planeten Erde transportierte, erreichte ihr Ziel erst 12 Stunden später. Und Superman wuchs in der stalinistischen Sowjetunion groß.
Vielleicht musste erst einige Zeit nach dem Ende der „roten Bedrohung“ ins Land ziehen, bis man bei DC bereit war, aus der uramerikanischen Ikone einen überzeugten Vertreter des Sozialismus zu machen. Die Idee ist derart brillant wie offensichtlich, dass die Ankündigung der dreiteiligen Prestige-Saga Superman: Red Son mir glänzende Augen bescherte.
Und dann die Wahl des Autors: Mark Millar, Meisterdenker hinter großartigen Serien wie den Ultimates und den Ultimate X-Men! Das Versprechen, für Superman ein Elseworld-Referenzwerk zu schaffen, das Frank Millers Batman: The Dark Knight returns nahe kommt, schien gar nicht mal so weit hergeholt. Dave Johnsons und Kilian Plunketts hervorragender Geschmack bei der Cover-Wahl tut sein übriges... Wann habt Ihr das letzte Mal solch eindrucksvoll-ästhetische und einprägsame Titelmotive gesehen? Nun gut, irgendwann war es soweit, die Prestige-Ausgaben erblickten das Licht der Comic-Welt.
Die Handlung setzt Mitte der 50er Jahre ein, der Status Quo unserer (realen) Welt bleibt weitgehend unverändert. Es gab keine Superhelden im zweiten Weltkrieg, Stalin hat die Sowjetunion fest im Griff... Und dann verbreitet sich die Nachricht über eine russische Geheimwaffe wie ein Steppenfeuer über die Welt. Superman, aufgewachsen in einem Kollektiv, verändert das Gleichgewicht der Kräfte derart grundlegend, dass die Sowjetunion unbezwingbar wird. Und eine fünfzigjährige Geschichte nimmt ihren Lauf.
Millar etabliert in kürzester Zeit eine ganze Reihe Charaktere, die meisten kennen wir schon aus dem bekannten DCU (DC Universum). Lois Lane, verheiratet mit dem US-Wissenschaftler Lex Luthor, Geheimagent Jimmy Olsen, eine russische Lana Lang... Darin liegt eine Stärke und gleichzeitig ein gewaltiges Manko der Story. Dies ist weder das bekannte DCU, noch unsere Welt, es ist Millars eigens kreierte Red Son-Bühne. Natürlich ist es nett, auf einen Anti-Sowjet-Batman oder einen Hal Jordan-Marine zu treffen. Aber leider erfahren wir so immer noch nicht, wie sich ein „roter“ Superman auf den Rest der Welt ausgewirkt hätte.
Red Son Ascendant
In Red Son zumindest sind die Umwälzungen drastisch. Nach Stalins Tod übernimmt Superman die Führung der UDSSR und kreiert innerhalb kürzester Zeit ein funktionierendes Utopia. Die Sowjetunion nimmt bald globale Ausmaße an, und Superman greift immer mehr in die Leben der Menschen ein, um sie zu perfektionieren. Hunger, Arbeitslosigkeit und Krankheiten sollen bald der Vergangenheit angehören. Die ganze Zeit leistet ein genialer Lex Luthor Widerstand, und hetzt Superman eine selbstkonstruierte Waffe nach der anderen auf den Hals –stets ohne Erfolg. Doch auch innerhalb der Sowjetunion gibt es Widerstände. Stalins unehelicher Sohn Pyotr verachtet alles, für das der neue Alleinherrscher steht, und schließt einen Pakt dem größten Systemgegner: Batman.
Es scheint also, als wolle Millar ungeachtet aller Erwartungen einfach nur eine eigene Geschichte erzählen. Als läge sein Hauptaugenmerk auf der Story per Se, einer gewaltigen, jahrzehntelangen Handlung. Doch dann müsste man ihm einen anderen Vorwurf machen. Denn die Geschehnisse werden arg zerfleddert und stenographisch rübergebracht, die Geschichte liest sich nicht flüssig genug. Gut, bei einer Handlung, die ein halbes Jahrhundert überspannt, ist das nicht zwangsläufig ein Minuspunkt.
Doch zu viele Puzzleteile und Storyfragmente tragen wenig zum Gesamtbild bei. Bizarro, Brainiac, die Festung der Einsamkeit, die Flaschenstadt... Man könnte fast meinen, Millar hätte eine Strichliste aller "S-Fakten" abgehakt, um alles irgendwie einzubauen. Als Fanboy hat man so natürlich Spaß, und Insider-Gags gibt es zuhauf, doch objektiv betrachtet leidet der Handlungsfluss darunter.
Es stand zu befürchten, dass der Ost-West-Konflikt polemisiert wird und zu stark vereinfacht in Comicformat gepresst wird. Doch gerade dies ist nicht der Fall, Millar lässt sich glücklicherweise erst gar nicht auf Politik und Ideologien ein.
Nein, es ging Millar niemals um den Plot. Es hat einige Zeit gedauert, bis bei mir der Groschen gefallen ist. Red Son dreht sich allein um seine Akteure.
Und damit kommen wir zur Charakterisierung. Am Anfang bleibt Superman noch recht blass und eindimensional. Er will nicht wirklich Macht besitzen, allen Menschen helfen, et cetera, et cetera, das war auch nicht anders zu erwarten.
Die Nebencharaktere kommen deutlich besser rüber, vor Allem Supermans Neider Pyotr ist recht eindrucksvoll geschrieben. Leider wollte Millar von Allem ein wenig zu viel. Tausend Geschichten werden angeschnitten, unzählige Charakterentwicklungen gestreift... Lois unerfüllte Ehe mit Luthor, Batmans vergeblicher Kampf, Hal Jordans Willensstärke... Alles durchaus mitreißend, doch aufs allerdichteste komprimiert. Dadurch bekommt man oft den Eindruck, einer Zusammenfassung zu lauschen. Man erahnt, welch großer emotionale Augenblick hier oder dort hätte sein können, der aber einfach zu früh den Sauerstoff abgedreht bekommt. Bewegende Szenen, wie Supermans unvermeidlicher Kampf gegen Batman, sind einfach zu selten.
Die einzige Konstante, der rote Faden der ganzen Sage, ist ganz klar Luthor. Und wieder haben wir ein Problem. Luthor besitzt hier Kräfte, die die von Superman noch bei weitem übersteigen. Keine körperlichen oder metaphysischen, wohlgemerkt, aber seine schiere Brillanz ist Gottesgleich. Man mag dazu stehen wie man will, aber ich halte die Art der Darstellung für derart übertrieben, dass es zunächst schwerfällt, seine Charakterisierung ernst zu nehmen. Auf der anderen Seite ist auch Superman viel mächtiger, als es jede Post-Crisis-Beschreibung zulässt. Er wäre wohl in der Lage, Planeten zu verschieben, und lernt neue Sprachen und Wissenschaften in Sekundenbruchteilen.
Red Son Setting
Und dann beginnt Ausgabe drei. Und alles beginnt, schon mehr Sinn zu machen. Wie gesagt, Millar bezieht keine politische Position, darum funktionieren grundsätzlich Sowjetunion ebenso wie Kapitalismus, solange die Übermenschen Superman und Luthor die Räder bewegen. Doch absolute Macht korrumpiert immer, und Supermans ehrliche Bemühungen, eine perfekte Welt zu schaffen, führen zu einer globalen Sowjetunion ohne freien Willen. Innerhalb eines halben Jahres verwandelt ein gealterter Luthor daraufhin die USA von einem Bankrott-Staat am Rande der Anarchie in die erfolgreichste Wirtschaft der Welt, da solche Kleinigkeiten für ihn nur unbedeutende mathematische Probleme darstellen. Und dann stehen sich zwei Weltmächte und zwei Götter gegenüber, und der unvermeidliche Showdown steht bevor. Und Freunde, er verdient diesen Namen.
Die letzte Ausgabe zeigt einerseits, dass Millar eben doch gigantische Epen schreiben kann. Die Geschehnisse zuvor, die -mal mehr und mal weniger- trockene Kost waren, erscheinen nun als notwendige Grundlage für eine Klimax, die ihresgleichen sucht. Zwei Titanen, die gegeneinander um die Erde kämpfen. Überraschungen, die euch aus den Socken hauen. Alle Register. Und das schönste ist, dass die finale Entscheidung ganz und gar auf menschlicher Ebene gefällt wird. Nach einem globalen Posaunenkonzert stimmt der Autor den Schlussakkord ergreifend leise an. Auch wenn diese Auflösung nicht ganz unvorhersehbar kommt, sie rührt einen doch.
Und dann wird auch klar, worum es die ganze Zeit ging. Vergesst die fünfzigjährige Geschichte und „das Epos“. Millar erzählt all die Zeit einzig davon, wer unsere Darsteller wirklich sind. Denn selbst in einer radikal anderen Welt, und gesegnet mit Kräften, die ihre DCU-Versionen weit überschreiten, haben wir doch Superman und Lex Luthor vor uns. Genauer gesagt das, was sie wirklich ausmacht.
Ein Gut/Böse-Schema hat es nie gegeben. Superman wollte aus redlichen Beweggründen heraus eine Alptraumwelt erschaffen, während Luthor die Menschheit, die ihm vollkommen egal ist, bloß von ihm zu befreien gedachte, um sich seine eigene Brillanz zu beweißen.
Als kleines Sahnebonbon gibt es noch einen überraschenden Schlussgag. Eine Auflösung im besten Sixth Sense-Stil, der alles Geschehene in einen anderen Kontext stellt. Ganz ernst zu nehmen ist der letzte Clou sicher nicht, neben einigen logistischen Problemen schmälert er auch den perfekten Abschluss von zuvor etwas. Doch das soll uns mal nicht weiter stören, wie Dutzende andere Red Son-Details auch, handelt es sich eher um einen augenzwinkernden Insider-Gag. Wie gesagt, als Fanboy hat man ja eh die ganze Zeit seinen Spaß.
Die Zeichnungen erzählen eine ganz eigene Geschichte. Dave Johnson und Kilian Plunkett scheinen auf den ersten Blick nicht sonderlich spektakulär mit dem Bleistift umgehen zu können. Die kantigen, kontrastreichen Outlines erinnern an Doug Mahnke, den derzeitigen JLA-Zeichner. Auch wenn ich detaillierte Zeichenstile und elegantere, geschwungene Linien im Stile Howard Porters oder Bryan Hitchs immer bevorzugt habe, waren Johnson und Plunkett keine schlechte Wahl.
Auf den zweiten Blick wird das Artwork nämlich bedrückend düster und stimmungsvoll, und die Stile beider Künstler ergänzen sich zu einem beeindruckenden Gesamtbild. Mehr in den Hintergründen hätte mich glücklicher gemacht, doch dafür werden die Akteure in den Panels richtig lebendig.
Und die Cover gehören eh zum schickesten was uns in den letzten Jahren untergekommen ist. Grandios stilisiert, einprägsam und unverwechselbar, so schreibt man Comic-Geschichte!
Und nach dem grandiosen Abschluss fällt es auch wirklich schwer, Kritik am Autor zu üben. Zweifellos ist Red Son ein Epos, das man gelesen haben sollte. Doch hat Millars übergroßer Enthusiasmus ihn zu vielen Schönheitsfehlern verleitet, die man ihm nicht einfach durchgehen lassen kann. Red Son ist nicht die geschlossene Story, die The Dark Knight Returns war. Mark Millars Dreiteiler steht nicht wirklich auf eigenen Beinen, er spielt mit dem als selbstverständlich vorausgesetzten Kenntnisstand über den Superman-Mythos unter der Leserschaft. Über weite Teile hinweg bekommt man nur lückenhafte Daten geliefert, aus denen man sich dann Psychogramme basteln kann –keine geschlossene Story.
Dennoch hat es der Autor geschafft, dass nach dem Weglegen des Heftes das Gefühl zurückbleibt, bei etwas Großem dabei gewesen zu sein. Und trotz aller Epik ist der bleibende Eindruck ein feinsinniger.
So gesehen, hat sich doch jede Seite gelohnt.
Lukas 'Ruppoman' Wilde