Vertigo: It's a Bird! HC
Autor:
Steven T. Seagle
Künstler:
Teddy Kristiansen
Preis: 24,95 $
Erscheinungsdatum: 14.04.2004
Hardcover, 136 Seiten
Can a fictional character save a real life in the real world?
Laut Previews-Vorbesprechung handelt es sich bei It’s a Bird! um halb-autobiographische Reflektionen des früheren Superman-Autors Steven T. Seagle über und um DCs erste Superhelden-Ikone. Ein Comic-Autor namens „Steve“ bekommt die Chance seines Lebens, er soll zum monatlichen Superman-Schreiberling aufsteigen. Doch er hat im Moment zu viele persönliche Probleme, die ihn und seine Familie beschäftigen, als dass er den Nerv hätte sich mit der unmöglichen Aufgabe zu befassen, einen so unrealistischen und absurd-pathetischen Charakter wie den Mann aus Stahl greifbar zu machen.
Obwohl dieser Ansatz für einen edlen Vertigo-Hardcoverband nicht uninteressant klingt, ging ich doch mit einigen Bedenken an die Lektüre. Autobiographische Werke laufen leicht Gefahr, prätentiös zu werden und sich in letztlich uninteressanter Pseudo-Intellektualität zu verlieren. Davon abgesehen ist es schon erstaunlich, wie wenig tatsächlich hervorragende Stories innerhalb der Superman-Serien Zustande kommen, während alle halbe Jahre ein Sonderband oder eine Jubiläumsnummer Siegel und Shusters Kreation beweihräuchert und zufrieden auf die Wichtigkeit des "Man of Steel" herabblickt. Warum also noch eine Story über Superman, anstatt glaubwürdige Geschichten mit ihm?
Glücklicherweise erwiesen sich solche Bedenken größtenteils als unbegründet. Ganz im Gegenteil nimmt sich It’s a Bird! gerade solcher Überlegungen an und stellt eine Bereicherung jeder Comic-Bibliothek dar.
Geschafft hat das Steven Seagle vor Allem dadurch, dass die Haupthandlung um sein Alter Ego wirklich gelungen ist. Inwieweit „Steve“ nun tatsächlich ihm selbst entspricht sei dahingestellt, ist im Grunde aber auch nicht relevant. Die Erzählweise ist zunächst etwas uneinheitlich, teils agiert der Hauptdarsteller als ein Charakter unter anderen, mal spricht er den Leser direkt an und leitet ihn durch seine Gedankenwelt. Beiden Wegen gemein ist ein ehrlicher und aufgeschlossener Ton, der weder zu hochgestochen noch zu jovial ausgefallen ist.
Steve muss sich mit dem Verschwinden seines Vaters auseinander setzen und seiner Freundin Bedenken gegenüber ihrem frühen Kinderwunsch verständlich machen. Über Allem hängt der drohende Schatten einer möglichen tödlichen Erkrankung, die in seiner Familie umgreifen könnte. Weshalb es nun ein zusätzliches Unglück sein soll, die Chance seines Lebens als Superman-Autor zu bekommen, bleibt manchmal etwas schleierhaft. Hier liegt auch das Hauptproblem des Bandes: Wie nachvollziehbar Steves Kummerquellen auch sind, der Hauptdarsteller wirkt oft entweder zu kühl, oder bemitleidet sich gleich zu ausgiebig selbst, um wirklich sympathisch zu wirken. Manchmal geht das so weit, dass man ihm fast zurufen möchte „Junge, reiß Dich mal zusammen!“
Trotzdem, ein echtes menschliches Wesen hat nun mal seine Schwächen, und die machen den Plot andererseits auch wieder tragfähig. Wie passt Superman in all das hinein? Steve weiß es ebenso wenig. Wie soll er bei all dem Chaos in seinem Leben ein gottgleiches Alien zum Leben erwecken, das unverwundbar durch den Äther zischt... Klar, wir kennen die Antwort im Prinzip schon aus anderen Werken. Superman ist Inspiration, Superman ist eine Ikone, Superman ist Teil unseres Pop-Mythos und des kollektiven Unterbewusstseins zahlloser Menschen rund um den Globus.
Doch Steven Seagle vollbringt tatsächlich das Kunststück, die Message ohne großen Pathos und Tamtam rüber zu bringen. Ausformuliert wird tatsächlich nur wenig, stattdessen streut er in die Handlung viele subtile Mini-Stories um den Mann aus Stahl und seine Wirkung auf die Welt ein, die ihn aus allen möglichen Perspektiven beleuchten. Es geht nie um Superman als Held in hautengen Hosen, es geht um Superman als kulturübergreifendes Symbol. Es geht darum, wie Superman in unserer realen Welt funktioniert - jeden Tag! Mit diesen zwei-, oder dreiseitigen Minicomics arbeitet Seagle die Schwächen und die Probleme um den S-Mythos heraus, eines nach dem anderen. Aber sie beleuchten auch, warum und wie Comic-Helden unser Leben ganz konkret um eine angenehme Note bereichern könnten. Man muss es einfach selbst gelesen haben, um der brillanten Arbeit gerecht zu werden, die hier vollbracht wurde. Natürlich ist nichts davon wirklich neu, auch die Rahmenhandlung um den Künstler mit Inspirationsproblemen ist eigentlich nicht originell (kennt jemand den Film Adaption?). Die elegante Umsetzung sucht aber ihresgleichen, und ich bezweifele ernstlich, ob sie dabei fündig wird.
Teddy Kristiansen kann gar nicht genug für die Realisierung gelobt werden. In wunderschönen Wasserfarben-Gemälden erweckt er jeden Aspekt Seagles zum Leben und erreicht dabei fast schon poetische Höhen. Die Zwischen-Geschichten besitzen zudem eine Vielseitigkeit, einen angenehmen Wechsel an Stilmitteln und Umsetzungsmöglichkeiten, die jede Seite zu einem interessanten Experiment macht. Im schwächsten Fall wirken die Ergebnisse ganz nett, die Highlights reißen einen förmlich vom Stuhl. Die Hauptstory hingegen ist sehr ruhig geworden, ausgeglichen und melancholisch, Seagles träumerische Gedanken werden meisterlich auf einem Strom aus traurigen Farben und zerbrochenen Konturen vorwärts getragen.
Natürlich ist der Preis von fast 25 Dollar überaus happig, doch It’s a Bird! hat sich eine Hardcover-Veröffentlichung verdient wie kaum ein anderes Comic in letzter Zeit. Nicht, weil Seagle einmal mehr beweist, wie nahe Comics die Begriffe Kunst und Belletristik einander bringen können. Oder weil er in Comicform herausarbeitet, warum Comics eben doch funktionieren. Nicht, weil wir hier die besten Superman-Stories seit Langem zu Gesicht bekommen. Das wirklich hervorragende an It’s a Bird! ist der tiefe Anspruch, den dieses Werk hat, ohne sich dabei besonders ernst zu nehmen oder den Leser an die intellektuelle Hand zu nehmen. Jeder kann und wird seine Freude an diesem Band haben, und Steven Seagle ist auf einen Schlag in die Oberliga der Comic-Künstler aufgestiegen.
Lukas "Ruppoman" Wilde
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