Autor:
John Rozum
Zeichner:
Seth Fisher
Erscheinungsdatum:
06. Februar 2003
Preis:
Euro 6,95
Jeder kennt das Gefühl, wenn die Zeit wieder mal viel zu schnell zu verrinnen scheint. Selbst die exaktesten Uhren können den siechenden Verdacht im Hinterkopf nie ganz entkräften, nach dem das letzte Wochenende viel kürzer als ein Arbeitstag davor verstrichen war.
Der Flash, seines Zeichens schnellster Mann der Welt, stößt auf eine ganz reale Ursache hinter jenem Phänomen: Ein Testflugzeug, bemannt mit einem einzigen mutigen Piloten namens Kroizere, verursacht einen Unfall weit jenseits der Schallmauer. Dadurch nahm eine einzigartige Verkettung von Umständen ihren Lauf, die Kroizere in der mystischen Geschwindigkeitsmacht Speed Force verursacht. Von nun an beginnt die Zeit tatsächlich immer schneller zu verstreichen. Schneller und schneller. Dass dies für das Universum nicht gesund sein kann, liegt auf der Hand.
Darum reißt Flash in eine ferne Zukunftswelt, in der er Kroizere vermutet. Der bewegt sich nämlich mit übermenschlicher Geschwindigkeit durch Raum und Zeit, immer auf der Suche nach einem Heilmittel für seinen Fluch –er kann nicht mehr anhalten, bleibt ein Teil der Speed Force.
Was er in jener Zukunftswelt sucht, fragt sich Flash zunächst auch. Doch schon nach kurzem trifft Kroizere auf den enigmatischen Musenda, eine Mensch-Maschine in einem bizarren Exo-Skelett. Musenda gibt vor, Kroizere helfen zu wollen, und kreiert ihm einen Anzug, der seine Speed Force-Energien kontrolliert. Doch natürlich verfolgt Musenda eigene Pläne, und überträgt die ungeheuren Kräfte auf sich selbst.
Flash hat erst einmal eigene Probleme, als er in der Zukunft ankommt. Die Bewohner halten ihn für eine Bedrohung, und über die Ära des angehenden 21. Jahrhunderts gibt es -natürlich- auch keinerlei Aufzeichnungen mehr –nichts, was Vertrauen in den seltsamen Besucher schaffen würde.
Ein cleverer Plot, den Autor John Rozum sich da hat einfallen lassen. Der Flash ist mehr als jeder andere Comicheld ein Abenteurer, der seine Leser in phantastische Welten jenseits aller Vorstellungskraft entführen kann. Ein wenig altmodischer „Silver Age“-Charme ist es schon, der einen dabei nach wenigen Seiten erwartet. Fliegende Schiffe, organische Anzüge, Fallen aus Tarantel-Fell und quietschbunte Bauten im viktorianisch anmutenden Stil... Richtig ernst nehmen kann man Rozums Welt eigentlich kaum. Aber mit einem kleinen Augenzwinkern betrachtet, ist es ein herrliches Abenteuer, das er sich da ausgedacht hat.
Wer versucht, dem Autoren auf die schliche zu kommen, schaut dagegen in die Röhre. Mächte, Speed Force-Eigenschaften, und „Handhabungsregeln“ werden alle paar Seiten neu aus dem Hut gezaubert, die Handlung scheint keiner anderen Logik als dem Gutdünken des Autoren unterstellt zu sein. Entweder zieht man da resigniert den Hut angesichts einer unvorhersehbaren Story, die den Leser weit hinter sich zurücklässt. Oder man stellt sich darauf ein, und akzeptiert alle abgehobenen Plot-Wendungen mit diesem ehrfürchtigen „Sense of Wonder“-Gefühl, das uns immer mehr abgeht.
Die Handlung trägt sich zu einem bedeutenden Teil auch über den Künstler Seth Fisher, der Flashs Reise in die Zukunft zu einem designtechnischen Leckerbissen macht. Jeder Bewohner, jedes Gebäude, und jede Maschine dieser fremdartigen Welt wirkt tatsächlich wie aus einem anderen Universum – wie eine äußerst schräge Kombination aus organischem Design und H.G.Wells. Auch hier wieder die Anklänge an das Silver Age, heute wirken solche kunterbunten Phantasien kaum zeitgemäß oder „erwachsen“. Aber sollte uns das wirklich stören?
Eine besondere Beachtung verdient Fishers Darstellung von Tempo, die ganz und gar in der Phantasie der Leser geschaffen wird. Statische Bilder sollen Geschwindigkeiten einfangen, die nahe an Flashs Grenzen liegen. Keinerlei Speedlines, und nur ganz wenige "Doppler"-Effekte, nur statische Bilder. Und, so seltsam es klingt, es funktioniert wunderbar. Mach 3 lässt sich nie und nimmer richtig zu Papier bringen, also warum nicht gleich bei Standbildern bleiben?
Pro und Contra abgewogen, sind die Zeitspiele eine zweischneidige Angelegenheit. Respekt verdient das Kreativteam für den Versuch, sich vom gängigen Erzählstil loszulösen – sowohl was die Story, als auch die Handlung betrifft. Ob das Ergebnis nun geglückt ist, daran mögen sich die Geister scheiden.
Flash tritt wieder eher als Wissenschaftler auf, und der phantastischen Reise geht keinen Moment Rozums Kreativität aus.
Andererseits war mir vieles einfach zu abgehoben, und die meisten Story-Wendungen kamen zu willkürlich. Ähnlich verhält es sich mit den Zeichnungen: Über die Detailverliebtheit der Hintergründe könnte man stundenlang schwärmen, die bunten Farben werden mit der Zeit dagegen richtig anstrengend.
Und warum hat Wally West eigentlich ständig diesen halbvernebelten Kifferblick drauf? :-)
Lukas 'Ruppoman' Wilde