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DC Premium #1: Schatten über Gotham


"In 'Elseworlds' werden Helden aus ihrer gewöhnlichen Umgebung an fremde Orte und Zeiten versetzt - solche, die existieren oder nicht existieren können, könnten oder sollten. So werden Figuren, die so vertraut sind wie das Gestern, wieder frisch wie das Morgen."

So steht es in der ersten Ausgabe von DC Premium zu lesen, und wie wahr das ist, davon kann man sich sogleich im Dreiteiler "Batman: The Doom That Came to Gotham" - dt.: "Batman: Schatten über Gotham" - überzeugen. Denn das, was da zu lesen ist, sollte wirklich besser nicht existieren.

"Er ist Er, der jenseits von Raum und Zeit dürstet, der von den Sternen zur Erde kam, als sie jung war und Abscheulichkeiten auf See und Seuchen an Land gebar. Doch wehe, wenn er wiederkehrt."

Die "Argo" ist seit zwanzig Jahren auf See unterwegs. Zu ihrer Besatzung gehören Bruce Wayne und drei Jugendliche in seiner Obhut: Dick Grayson, Tim Drake und Jason (ohne Nachname; aber auf einem Schiff mit solch einem Namen braucht ein Jason auch keinen!).

Ein Mann wartet auf seine Bestimmung: Seit zwanzig Jahren ist er auf seiner ganz privaten Odyssee, um nun endlich zum Ausgangspunkt seiner Reise zurückzukehren: Gotham City.

Aber als Bruce Wayne nach dieser langen Zeit endlich in seine Heimatstadt Gotham City zurückkehrt, hat er unwissentlich das Verderben mit sich gebracht. Nicht nur, dass er den letzten Überlebenden der Antarktis-Expedition von Professor Oswald Cobblepot - einen gewissen August Grendon - mit an Bord nimmt, nein, er hat auch einen ersten Kontakt mit dem uralten, unsagbar bösen Wesen hergestellt, und dieses bedroht nun die Metropole.

Grendon, der nur in eisigen Temperaturen überleben kann - er erinnert stark an Mr. Freeze - dient dem Ding als Wirt für seine Saat. Er muß sterben, um sie weiterzugeben an ein Wesen, das Poison Ivy ähnelt. Und sie dient als Schlüssel zum Tor, dem Tor, zu dem Harvey Dent werden soll.

Doch von all dem weiß Bruce Wayne noch nichts.

1) "Seine Heimkehr löst gewisse Ereignisse aus. Doch er ist nicht dafür verantwortlich. Er muß nur für die Sünden des Vaters büßen."

2) "Den Sieg bringt nur Bruce Waynes Tod, der stirbt, um er selbst zu werden."

3) "Hütet Euch vor lebendem Staub."

4) "Gotham wird leben, nimmt man ihr ihr Herz."

Diese vier Weissagungen vom Dämon Etrigan verheißen nichts Gutes - obwohl, wie in jeder derartigen Verheißung, auch Hoffnung erahnbar und von Erlösung die Rede ist.

Aber bis es soweit ist, sind viele Opfer zu beklagen.

Angefangen hatte alles vor über 300 Jahren mit vier jungen Männern aus England, die aus Amerika eine neue Welt machen wollten. Gotham war damals ein Nichts, ein Fort, ein Hafen, sonst nichts.

Und diese vier planten gemeinsam ihre Zukunft: Bartly Langstrom, Henry Queen, Thomas Wayne und Cosby Jacob Manfurd. Sie waren entschlossen, aus Gotham das Prunkstück der Kolonien und damit sich selbst reich und mächtig zu machen. Und dafür verkehrten sie sogar mit dem Teufel, einem Teufel namens Ludwig Prinn, einem grotesken, kleinen Mann aus Brüssel. Aber er durchschaute sie mit einem Blick, er roch ihre Gier und bot ihnen seine Dienste an.

Sie glaubten seinen Worten, er sei ein Hexer. Und eines Nachts führte er sie an eine Stelle im Wald, die die Indianer mieden. Dort öffnete er mit Gesten das Tor zu den Eingeweiden der Erde. Und die vier Männer folgten dem Teufel in die Hölle. Die Hölle unter Gotham City ist eine Grabstätte, eine riesige Gruft für die Reptilienmenschen, die einst die Erde beherrschten. Prinn kannte diese uralte Rasse aus dem Testament des Ghul. Prinn hatte dieses Buch entschlüsselt, und es verlieh ihm unheilvolle Macht. Die vier Männer bekamen es mit der Angst zu tun und schlugen Prinn nieder.

Im Glauben, er sei tot, ließen sie ihn zurück und versiegelten den Zugang zur Höhle. Die Zeit begrub ihn für die vier, genauso wie ihre Tat. Gotham war eine Saat, und nur sie wußten, worauf sie wuchs. Und fast mühelos erlangten die vier unermesslichen Reichtum, begleitet von Macht und Ansehen. Sie heirateten und bekamen Kinder und überlebten sie alle, denn in all den Jahren alterten sie kaum. Doch die Jahre forderten ihren Tribut, besonders von Langstrom. Er erkannte als Erster, was ihre Tat ausgelöst hatte und begann vom "Ding auf der Schwelle" zu träumen. Er suchte Beistand bei Gott, doch als er keinen fand, nahm er sich das Leben. Der Wohlstand der anderen drei wuchs, doch ihr Leben war leer. Und eines Tages wollten Wayne und Queen wieder richtige Familien haben. Bruce und Oliver wurden geboren, doch Henry Queen wurde wahnsinnig und ermordete Thomas Wayne. Als Oliver erwachsen war, erfuhr er von seinem Vater Bruchstücke dieser Wahrheit und fortan trainierte er, um für das nahende Ding bereit zu sein.

Damals hatte Prinn in der Höhle überlebt, und nach und nach formte ihn dieser Ort, der erst Prinns Verstand, dann seinen Körper zerbrach - er erinnert jetzt an Killer Croc. Nun dient er Ra's al Ghul und tut alles, damit dieser wieder aus dem Staub zum Leben erwacht.

All dies erfährt Bruce Wayne von der Tochter des Polizeipräsidenten Gordon: Barbara Gordon - sie ist wie ein Orakel, ein Sprachrohr, durch das die Geister sprechen können.

Und als Ra's al Ghul es dann endlich geschafft hat - die Auferstehung aus dem Staub - ist das Einzige, was er möchte, diese uralte Rasse wieder zum Leben erwecken, die die Menschen vom Antlitz der Erde tilgen will.

Zwei Männer sind bereit, sich ihm in den Weg zu stellen: Oliver Queen und Bruce Wayne. Der eine - Oliver Queen - weil er es möchte. Sein Leben lang hat er sich darauf vorbereitet. Und nun ist der Augenblick gekommen. Bewaffnet mit einem Langbogen und drei Pfeilen, die mit dem Blut des Heiligen Sebastian getränkt sind. Aber der Kampf ist nur von sehr kurzer Dauer: Eine Frau erscheint - sie erinnert an Poison Ivy - und erwürgt ihn.

Der andere - Bruce Wayne - weil es ihm vorherbestimmt ist: Er ist der Auserwählte. Er hat nun die Pfeile und kann mit ihnen dem Ding entgegentreten.

Aber zuerst muß er sich dessen Helfer Prinn stellen. Prinn ist verantwortlich für so viele Tode: Dick Grayson, Kirk Langstrom.

Batman sucht nach einem Weg ins Reich dieser Bedrohung, diesem Ding und findet im Bürgermeister von Gotham City, Harvey Dent einen Weg. Dent hat sich verwandelt: Seit der Berührung durch Poison Ivy ist sich eine Hälfte von ihm - er gleicht nun Two-Face - völlig entstellt und wuchert zu einem riesigen Geschwür. Aber dieses Geschwür dient als Tor zwischen den Welten, und durch dieses tritt nun Batman ein zu IOG-SOTHA, dem Ding, und stellt sich Ra's al Ghul entgegen, der es heraufbeschwört. Die Pfeile sind seine Rettung, aber er selbst erfährt eine Transformation, und Bruce Wayne ist nicht mehr. Der Dämon Etrigan (Jason Blood) erscheint und kann dem Ding die letzte entscheidende Niederlage beibringen und es verbannen.

Den Sieg bringt nur Bruce Waynes Tod, der stirbt, um er selbst zu werden: "Bruce Wayne, Du bist von Schuld nun frei. Doch Dein Lohn ist nicht für dieses Leben. Ihn wird's im nächsten geben."

Bruce Wayne hat sich in ein Wesen verwandelt, dass einer Fledermaus ähnelt. Er wacht nun über Gotham City.

Diese Elseworlds-Geschichte ist unverkennbar an die Welt eines H.P. Lovecraft angelehnt - das Grundmotiv ist die Saga um die GROSSEN ALTEN, eine bösartige außerirdische Rasse, mit der es die Menschen in seinen Geschichten zu tun bekamen. Die Großen Alten sind eine uralte Rasse, die einst von den Sternen kam und derzeit schlafend in der Stadt Rl´yeh auf dem Boden des Pazifiks darauf warten, wieder erweckt zu werden und die Menschen vom Antlitz der Erde zu tilgen.

Howard Phillips Lovecraft - Chronist des Grauens: H. P. Lovecraft wurde am 20. August 1890 in Providence, Rhode Island geboren. Er führte das Leben eines Sonderlings, der den Kontakt mit der Außenwelt scheute und mit seinen Freunden und gleichgesinnten Autoren nur schriftlich verkehrte. Er starb am 15. März 1937.

Lovecrafts Geistergeschichten konzentrieren sich ohne Ausnahme auf einen Prozeß des Grauens, der sich in einer Sphäre des Verwesenden, des Zerfallenden abspielt: In Stadtvierteln, die von den meisten Menschen gemieden werden, in abgeschiedenen Einöden, die seit Generationen verflucht sind...

Wenn das Grauen, das sich meist unsichtbar im Verborgenen aufhält, einmal sichtbar wird, fallen die Zeugen des Unbeschreiblichen in Ohnmacht oder tragen Schaden an Leib und Seele davon.

"Für mein Werk kann ich nichts weiter vorbringen, als seine Redlichkeit. Ich weigere mich, den mechanischen Konventionen der Unterhaltungsliteratur Tribut zu zollen oder meine Erzählungen mit Klischeefiguren und abgedroschenen Situationen vollzustopfen. Ich lege Wert darauf, echte Gemütsäußerungen und Eindrücke so gut zu schildern, wie ich es vermag." (H. P. Lovecraft, "Autobiographie")

Lovecraft hat nichts gemein mit jener naiv positivistischen Horrorliteratur, die Monster oder Vampire bloß zum Leben erweckt, damit sich in ihrer Vertilgung die Vernunft und der wissenschaftliche Fortschritt triumphierend bestätigen können: Bei Lovecraft siegt immer das Entsetzen - hier Batman.

Und ganz in diesem Sinne ist es den beiden Autoren Mike Mignola und Richard Pace dann auch gelungen, echte Gefühle - Spannung und Schauer - zu erzeugen. Meisterhaft in Szene gesetzt von Troy Nixey und Dennis Janke.

Wer Elseworlds-Geschichten kennt und liebt, der kommt voll auf seine Kosten. Immer wieder ist es interessant, alte Bekannte wieder zu entdecken. Und so ist es am Ende doch sehr gut, dass wahr ist, dass alte "Figuren, die so vertraut sind wie das Gestern, wieder frisch wie das Morgen" werden.

Bruce Wayne hat sich am Ende dann tatsächlich in eine Fledermaus verwandelt - das DC-Universum hat einen neuen Batman.

Nicht, dass irgendwo Langeweile aufkäme, aber jetzt fragt man sich unweigerlich: Wie geht es weiter? Ein zweiter Teil würde sich hier wirklich anbieten, diese Geschichte hat sogar das Potential zu einer längeren Serie.

Fazit: Gute Unterhaltung - Batman mal anders!


Norbert Elbers

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