Autor:
Scott Beatty, Chuck Dixon
Zeichner:
Marcus Martin
212 Seiten
Preis:
18,00 Euro
212 Seiten
Erscheinungsdatum:
22.04.2004
Wie kaum andere Autoren, so versteht es das Autorenteam Scott Beatty/Chuck Dixon die für Superhelden so wichtige Origin neu zu beleuchten und um interessante Aspekte zu bereichern.
Nachdem sie schon das erste Jahr von Robin I (Dick Grayson – hier geht’s zur Besprechung) neu erzählt hatten, so nehmen sie sich diesmal des ersten Jahres von Batgirl (Barbara Gordon) an.
Batgirl (Barbara Gordon) hatte (historisch) ihren ersten Auftritt in DETECTIVE COMICS #359 “The Million Dollar Debut of Batgirl!“, Januar 1967. (Hier geht es zur Besprechung). Nachdem der Charakter des Batgirl – der Tochter von Commissioner James Gordon – sehr erfolgreich in der TV-Serie mit Adam West eingeführt worden war, übernahm man ihn recht schnell in die laufende, monatliche Comic-Serie und erfreute sich dort ebenfalls wachsender Beliebtheit.
Barbara Gordon möchte nach ihrem Studium zur Bibliothekarin Polizistin werden, aber ihr Vater – James Gordon – findet diese Idee absurd: Und außerdem erfülle sie ja nicht die Mindestgröße. Aber sie lässt nicht locker, sie möchte da sein, wo die Action ist und vor allem möchte sie da weg, wo sie ist. Sie ist bereit, alles zu tun, um da wegzukommen, von dem langweiligen Stuhl hinter dem Computer in der riesigen Bibliothek. In ihrer Freizeit nimmt sie Karateunterricht. Ganz witzig bauen die Autoren hier als ihren Karatelehrer Phillip Parsons – DRAGONCAT - ein, der in ROBIN #21 (Okt. 1995) seinen ersten Aufritt hatte. Nach der Absage von der Polizeiakademie bewirbt sie sich beim FBI – aber auch hier hat sie kein Glück.
Aber immer noch nicht gibt sie sich geschlagen – sie möchte es wissen und versucht ihr Glück selbst in die Hand zu nehmen. Fasziniert von Batman, mit dem ihr Vater eine Partnerschaft eingegangen ist, möchte sie ebenfalls Heldin werden. Aber da sie nicht so sehr auf Leder steht, sondern mehr auf Netzstrümpfe, möchte sie mit Black Canary Kontakt aufnehmen. Von ihr weiß sie, dass sie zur Zeit “Nicht-Aktives-Mitglied“ der JSA ist. Also beschließt sie, ins Hauptquartier dieser ersten aller Heldengruppen einzubrechen und dort eine Nachricht für sie zu hinterlegen. Ein nicht leichtes Unterfangen, aber ihr gelingt es mit Hilfe diverser Zugangscodes, die ihr Vater als Captain der Gothamer Polizei vertraulich besitzt. Bei Black Canary möchte sie in die Lehre gehen und bittet sie um ein Treffen. Aber die Mitglieder der JSA geben die Nachricht nicht weiter und Wildcat erscheint statt ihrer und rät ihr ab.
Sie ist so schwer enttäuscht, dass dies sogar ihrem Vater auffällt. Um ihre Laune zu bessern, schenkt er ihr Eintrittskarten zu einem Kostümball. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.
Der wohltätige Maskenball wird von dem G.C.P.D. ausgetragen und ist zu Gunsten des “Eine Millionen Dollar-Gedächtnisfonds“. Mehr um ihren Vater zu ärgern, als aus reinem Interesse, beschließt sie auch dorthin zu gehen und entscheidet sich für ein Kostüm einer weiblichen Variante von Batman. Aber der Maskenball wird unerwartet zu ihrer Feuertaufe als Heldin: Ein Maskierter erscheint und möchte Bruce Wayne entführen. Aber Barbara Gordon greift kurzentschlossen ein und kann die Entführung verhindern. Durch diesen Erfolg ermutigt, bleibt sie ihrer Doppelidentität treu und geht nun auch als Batgirl auf Streife und jagt Kleinkriminelle.
Sie bastelt immer weiter an ihrer Ausrüstung und verfeinert immer mehr ihr technisches Equipment. Von ihren Stöckelschuhen hat sie sich schon längst getrennt. Auch muss sie feststellen, dass die Ausstattung ganz schön ins Geld geht. Aber es kommt, wie es kommen muss: In ihrer leichtsinnigen Art versucht sie sich selbst zu beweisen, dass sie mehr kann, als nur Kleinganoven zu fangen, die Schnapsläden überfallen. Sie fährt mit dem Aufzug auf das Dach des Wayne Tower und stürzt sich in die Tiefe. Berauscht von dem rasenden Fall ist sie sich ihrer Situation nicht ganz bewusst: Sie stürzt in die Tiefe, hat unheimlich Schiss, ist aber unendlich glücklich. Der Abgrund kommt immer näher und da reißt das Seil. Sie weiß nicht, wie ihr dickes Seil reißen konnte, da fängt auch Robin sie schon auf – die Landung auf einem Dach schlägt aber fehl und schon hat die Schwerkraft sie wieder. Doch zum Glück kann Batman beide mit einem Seil fangen und sie sind gerettet. Der verdutzten Jung-Heldin wird erklärt, warum dieser Absturz ihre einzige Chance war, den Sprung zu überleben: Das Seil war zu starr und hätte den Fall nur sehr abrupt bremsen können. Jetzt kommt etwas, was sie zuerst gar nicht verstehen kann: Sie wird von Batman mit einem Spray betäubt und wacht in einer riesigen Höhle wieder auf: Der Bathöhle!
Batman und Robin haben vor, mit Batgirl “Guter Cop – böser Cop“ zu spielen und sie zu “testen“. Sie absolviert auf der Trainingsmeile simulierte Angriffe und meistert die verschiedensten Proben und alle gefährlichen Situationen. Es gelingt: Sie ist wirklich sehr gut!
Unterdessen findet die total desillusionierte Killer Motte – er hat gegen eine neue kostümierte Heldin im Fledermausdress verloren - in einem zwielichtigen Typen einen neuen Partner: Garfield Lynns hatte als Zuständiger für die Special-Effects bei einem Kinofilm die Hauptdarstellerin entsetzlich verbrannt und wurde gefeuert. Zusammen wollen sie von den organisierten Kriminellen in Gotham City Schutzgeld erpressen: Wenn ein kostümierter Held den Guten hilft, hilft ein anderer Kostümierter den Bösen gegen die Guten – das ist die Idee, aber der Gangsterboss Tony Bressi findet die Idee gar nicht gut und so schmiedet er einen Plan, um sich ein für alle Male dieser lästigen Schutzgelderpresser zu entledigen. Firefly und Killer Moth sollen den Polizeichef Gordon entführen – zwei Henchmen seiner Bande sollen dann schließlich in den Kostümen der lästigen Insekten und Gordon den Garaus machen. Soweit der Plan, aber niemand hatte mit dem Erscheinen von Batgirl und Black Canary von der Justice League gerechnet. Eine nette Vorwegnahme , ein erstes Aufeinandertreffen dieser beiden Heldinnen, die nun das Gründungsteam der “Birds of Prey“ sind: Sie retten Gordon.
Batman und Robin sind beeindruckt. Und es kommt sogar soweit, dass Robin mit Batgirl zusammen auf Streife geht: Sie verfolgen Blockbuster (Mark Desmond), und während dieser wilden Verfolgungsjagd kommt es sogar zu einem Kuss zwischen Dick und Babs.
Unglaublich gefühlsbetont und liebevoll verstehen Beatty/Dixon es, ihren Charakteren Leben einzuhauchen. Richtig unter die Haut geht dann auch die Szene, in der Batman erklärt, warum er macht, was er macht und dass er nun Batgirl akzeptiert.
Die Autoren verstehen es außerdem, selbst scheinbar zweitklassigen und weniger interessanten Schurken wie Firefly und Killer Moth außerordentlich packende Charaktere zu geben. Die Geschichte vom ersten Jahr Batgirls ist auch deren Geschichte vom ersten Jahr. Die Darstellung ihrer Persönlichkeiten und ihrer Wesensmerkmale erfolgt sehr tiefgründig und nachvollziehbar. Ihre jeweiligen Beweggründe für ihre Verbrecherkarrieren werden sehr gut herausgearbeitet: Der eine – Killer Moth – wird getrieben von Geltungssucht und Geldgier, der andere – Firefly – ist ein psychopathischer Pyromane, der ein erotisches Verhältnis zum Feuer hat.
Die verschiedenen Handlungsstränge spielen in verschiedenen Zeitebenen und erhöhen so die Spannung und fesseln den Leser vom ersten Augenblick. Sofort ist man mitten im Geschehen und erfährt erst nach und nach, wie es dazu kam.
Die Zeichnungen sind unglaublich virtuos. Marcus Martin versteht es perfekt, Mimik und Gestik der einzelnen Akteure ausdrucksstark darzustellen. Die Gesichter drücken Gefühle und Regungen aus, wie man es selten in Comics zu sehen bekommt. Sein Stil ist eine gesunde Mischung aus real und animated.
Mit unglaublich vielen netten Details bereichern Beatty/Dixon ihre Geschichten:
· Das Hautquartier der JSA liegt auf der “Fox & Gardner Street“ und hat auch noch die Hausnummer 1940 – im Jahre 1940 hatte Gardner Fox die Justice Society ins Leben gerufen.
· Der Treffpunkt von Batman mit Batgirl ist an der Ecke “O’Neil und Adams“.
· Wildcat wurde geschaffen von Bill Finger und Irwin Hasen – und so trifft Babs Wildcat auf dem Dach des Hasen Building.
· Batgirl debütierte in DETECTIVE COMICS #359 – Zeichner Carmine Infantino and Murphy Anderson – und so wohnen die Gordons auf der 359 Murphy Avenue.
Ob die Zugangscodes für das JSA-Hauptquartier auch eine versteckte Bedeutung haben, weiß ich nicht. Es liegt nahe, mir ist aber nichts dazu eingefallen – vielleicht findet ein Leser einen tieferen Sinn?
Das erste Zusammentreffen der Justice Society of America in All-Star Comics #3 im Jahre 1940 und Wildcats erstes Auftreten in Sensation Comics #1, Januar 1942 sind übrigends beide auch auf deutsch erschienen: In der Reihe “DC Museums Editionen“ bei Panini in den Heften #7 und 9. Nicht nur für Fans nostalgischer Hefte sicherlich eine gute Empfehlung.
Ebenso verstehen es die Autoren mit der Riege der auftretenden Personen großartig zu punkten. Auch hier werden bekannte Persönlichkeiten näher oder kurz beschrieben, die mitunter eine lange Tradition in den Comic-Heften haben:
· Der trottelige Nachbar von Bruce Wayne Devlin Davenport hat einen kleinen Cameo-Auftritt
· Die Teen Titans werden erwähnt – Robin ist schon Mitglied
· Jason Bard (er hatte seinen ersten Auftritt in Detective Comics #392, Okt. 1969)
· The Condiment King hat hier wieder einen Auftritt. Er hatte seinen ersten Auftritt in BATMAN: THE ANIMATED SERIES in der Episode "Make 'Em Laugh" und im Comic in Birds of Prey #27 (Jan. 2002).
· Dragoncat (s.o.)
· Roy Raymond Junior (vgl. ROBIN #38, Feb. 1997)
· Vicki Vale
Norbert Elbers