Autor und Zeichner:
Scott Hampton
Preis: 6,65 Euro
Erscheinungsdatum: 10.10.2002
Legends of the Dark Knight #76 - #78
Bruce Wayne hat einen schweren Autounfall und fällt ins Koma. Während Alfred an seiner Seite wacht, ist es fraglich, ob Bruce jemals erwachen wird. Doch sein Geist ist alles andere als gelähmt. Bruce findet sich als Batman in einer nebelhaften Traumwelt wieder, wo er darum kämpfen muss, den Weg zurück zu finden.
Mit Traum-Geschichten ist es ja so eine Sache. Zunächst werden unangenehme Erinnerungen an die älteste Rettung der Welt für Autoren in Sackgassen wach, das klassische "du glaubst ja gar nicht, was ich gerade für einen verrückten Traum hatte" -Ende. Stories, die in Träumen spielen, bleiben meist völlig belanglos, da sie keine vernünftige Grundlage haben, und nach dem Lesen nur ein Schulterzucken bleibt. Doch ab und zu gibt es wieder Geschichten, die allen Erfahrungen zum Trotz eiserne Regeln sprengen und beweisen, dass es für wütende Erzähler gar nicht so etwas wie Regeln und Einschränkungen gibt. Einen solchen Beweis hat Scott Hampton mit der große Schlaf erbracht, einer wundervollen Geschichte, die ich lange nicht vergessen werde.
Eigentlich ist es gar keine Batman-Story. Warum Bruce in seiner anderen Bewusstseinform im Batman-Kostüm herumschleicht, bleibt nicht nur unerklärt, im Grunde hätte man das Alter Ego diesmal auch getrost im Wandschrank lassen können (wären da nicht die Verkaufszahlen). Aber sei es drum, so funktioniert es auch gut. Was dann kommt, beginnt als atmosphärisches Phantasy-Abenteuer, und entwickelt sich langsam zu einem bewegenden Melodram im Kleinformat.
Um Körper und Geist wieder zu einen, muss Bruce in einen läuternden Feuersee steigen. Doch der Weg dahin ist weit. Die geisterhafte Welt birgt viele Gefahren und wird von seelenfressenden Monstern bewohnt. Bald trifft Bruce auf andere Verirrte. Da ist Henry, ein einsamer Choleriker im mittleren Alter, der schon vor Jahren in dem Land gestrandet ist und alleine nicht zurückfindet. Und schließlich trifft Batman auf eine junge Frau namens Mary, die angeblich Bruces Seelenverwandte ist -und sein dunkles Gegenstück. Bald beginnen Realität und Visionen zu verschwimmen, und Bruce bekommt ein Zerrbild der Verbindung zwischen ihnen beiden zu sehen. Eine Verbindung, die zustande gekommen wäre, wenn er nicht zu Batman geworden wäre und ein normales Leben geführt hätte. Doch Mary verbirgt ein noch schmerzhafteres Geheimnis. Und nein, wer befürchtet, sie sei ein Alien oder ein menschenfressender Dämon, der kann beruhigt sein: Hampton erliegt nicht der Versuchung, völlig zu übertreiben, auch dieser Handlungspunkt ist bodenständig und trotzdem sehr ergreifend.
Neben Schatten aus der Vergangenheit bedroht auch eine viel mittelbarere Gefahr die Odyssee der drei. Die Seelenfresser sind nicht die schlimmste Bedrohung, die in dem Land zu finden ist. "Der Eine" wartet irgendwo in den Nebeln. Und er wird sie nicht ohne Opfer passieren lassen.
Gut, das hat man schon einmal irgendwo gehört. Auch andere Ellemente stammen aus dem üblichen Repartoire von Phantasy-Erzählungen. Doch Hampton hat alles sehr passend zusammengefügt, so dass man getrost über einige Originalitätsschwächen hinwegsehen kann.
Die Stimmung ist auf jeden Fall hervorragend. Und da begegnen wir auch wieder den Vorteilen, wenn der Autor gleichzeitig Zeichner ist: Bild und Text sind hervorragend aufeinander abgestimmt, und Hamptons unscharfe Linienführung gibt der Story viel Tiefe. Viele Panels deuten eher an, als etwas zu zeigen; das Traumland entgeht dadurch der Gefahr, lächerlich zu wirken.
Im Laufe der Handlung passt die Batman-Maske immer weniger ins Bild, eigentlich erzählt Hampton nur eine Geschichte über drei verirrte Menschen. Einen fesselnden Showdown gibt es trotzdem, gegen Ende wird die Überlebenswanderung noch sehr spannend. Und Bruces Beziehung zu Mary, das andauernde Gemeckere Henrys; Batmans Abneigung, seinen echten Namen preiszugeben, Henrys entwaffnende Offenheit darauf... All das liest sich so persönlich und emotional, wie man es selten erlebt hat.
Das liegt vor allem an den glaubwürdigen Charakteren, die einem schon nach wenigen Seiten mehr ans Herz wachsen, als es gestandenen Batman-Darstellern gelungen wäre. Gerade weil es keine bekannten Akteure sind, hat man Angst um sie und fühlt mit. Denn welcher Autor dürfte schon Robin umbringen?
Und am Ende des Dreiteilers bleibt man mit dem bedauernden Gefühl zurück, dass man von Henry und Mary nie wieder etwas hören wird. Doch gerade das macht der große Schlaf so einzigartig, es ist eine abgeschlossene Geschichte, eine in sich runde Sache. Besser hätte man das Legends of the Dark Knight/DC Legends-Format nicht nutzen können.
Insgesamt kann ich dieses erzählerische Schmuckstück nur jedem ans Herz legen, auch Nicht-Batman-Leser werden ihre Freude haben.
Lukas 'Ruppoman' Wilde