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Batman: Room full of Strangers
Autor & Zeichner: Scott MorsePreis: $ 5,95 Erscheinungsdatum: Februar 2004
Was haben die Fans geklagt, als Jim Gordon vor einigen Jahren in den Ruhestand geschickt wurde… Sicher, sein Nachfolger als Police Commissioner, Michael Akins, hat bislang noch nicht viel Profil verliehen bekommen. Gänzlich von der Bühne verschwunden ist Batmans Vertrauensmann durch seinen Rücktritt aber noch lange nicht.
Auftritte in Batman, Detective Comics oder Gotham Central zeigen Gordon in einer neuen Rolle, die ihm durchaus gut zu Gesicht steht. Ein ausgeglichener Privatmann, der durch seinen reichen Erfahrungsschatz immer wieder relevant für Polizei, Vigilanten und Kriminelle gleichermaßen wird. Dass sein Privatleben auch alleine interessant genug sein könnte, um eine eigene Story zu tragen, ist aber ganz andere Frage. Es brauch wohl einen Independent-Künstler wie Scott Mor
se, um diesen Beweis zu führen.
Wir verfolgen Gordon auf einem Urlaub in einem kleinen abgelegenen Strandhotel. Er ist natürlich nicht der einzige Bewohner des Inn at Hidden Cove. Gleich während den ersten Stunden seines Aufenthalts trifft er auf die verschiedensten Zeitgenossen, ohne wirklich Interesse daran zu haben, unbedingt Kontakte zu knüpfen. Da ist der charmante ältere Hotelbesitzer, ein frustriertes Ehepaar, eine todkranke Frau und ihr extrovertierter Sohn Graham, und einige andere… Gordons See
lenfrieden bei Strandspaziergängen und Schachspielen wird aber schnell gestört, als ein jüngeres Ehepaar einzieht, und der Mann plötzlich tödlich die Treppe hinunter stürzt.
Sofort klingeln seine Polizei-Instinkte. Natürlich ist das Ganze kein Unfall, trotz des Abschiedsbriefes, den einer der vielen Hobbydetektive findet, von denen Gordon plötzlich umzingelt scheint. Wer nun vermutet, Room full of Strangers schlüge den Pfad eines klassischen „Whodunnit“ ein, einer Detektivgeschichte in bester Agatha Christie-Manier, wird enttäuscht werden. Denn obwohl Morse beste Vorarbeit hierfür geleistet hätte, reißt er plö
tzlich das Ruder herum und schlägt eine neue Richtung ein.
Der junge Graham, der alleine seine todkranke Mutter pflegt, hat Gordon die ganze Zeit beobachtet. Seit er hörte, dass der ältere Mann aus Gotham kommt. Graham ist nämlich ein glühender Batman-Fan, er hält sich gar für dessen Sohn, und ist wie besessen von seinem Idol. Wie weit diese Heldenverehrung geht, muss Gordon bald bitter erfahren. Der Hotelbesitzer lächelt indess nur über Grahams Fragen an Gordon. Als ob jeder, der aus Gotham käme, schon mal Batm
an gesehen hätte!
Independent-Künstler einen Fuß in Mainstream-Areale setzen zu lassen, ist eine kniffelige Sache. Auch hier wird lange nicht klar, worum es dem Autor eigentlich geht. Sehr langsam wird die butterdicke Stimmung aufgebaut, die sich dafür wirklich sehen lassen kann!
Morses Dialoge können es locker mit Bendis aufnehmen und wirken wie direkt aus dem Alltagsleben heraus gegriffen. Die Darsteller bekommen alle eine eigene Persönlichkeit verliehen, dazu tragen auch die wundervollen Artworks viel bei.
Ich kannte Morses Zeichenstil zuvor nicht, und meine erste Reaktion war zunächst Irritation. Die Darsteller sehen aus wie Cartoon-Figuren: Knubbelige Nasen, Knopfaugen, stilisierte Körper… Man muss sich etwas hinein arbeiten. Doch es lohnt sich, denn nach einigen Seiten hört man jede Figur mit einer ganz eigenen Stimme sprechen. Hinzu kommt die traumhafte Kolorierung in schillernden Pastell-Farben, die eine sehr surreale Atmosphäre schafft. Mal ist die Szene in hellem Ocker
gehalten, mal wird sie fast von Grautönen verschluckt, ab und an fühlt man sich gar in Negativen gefangen…
Schwierig zu beschreiben, aber es funktioniert. Ich bekenne mich nun bedingungslos zu Morse, die Artworks sind einfach ein Erlebnis und rechtfertigen den Kauf allemal.
Und was die Handlung angeht... Es ist eine sehr langsame, gefühlvolle Geschichte. Eine Geschichte um einen gealterten Jim Gordon, der zu lange in den Schatten Gothams gelebt hat, um Batman je wieder los werden zu können. Wenn es Officer Down und Michael Akins gebraucht hat, um das erzählen zu können… So sei es!
Room Full of Strangers ist kein Comic für Jedermann. Das, was es an Action oder sogar Spannung gibt, wird sehr unspektakulär und ohne große Effekte vermittelt. Stattdessen hat Scott Morse eine tragische, gefühlvolle Episode um ein paar Personen in petto, die er einfach für erzählenswert hält. Trotz des etwas uneinheitlichen Konzepts bleibt ein sehr angenehmes Gefühl nach dem Lesen zurück. Der Preis von $ 5.95 kann sich natürlich sehen la
ssen, aber die Gemälde, die man sogar ohne Werbeunterbrechungen genießen darf, entschädigen für einiges. Schade nur, dass man dafür kein Prestige-Format bekommt, das hätte sich Scott Morse redlich verdient.
Lukas „Ruppoman“ Wilde
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