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Batman/Joker:
Switch



Batman/Joker: SwitchAutorin:
Devin Grayson

Zeichner:
John Bolton

Preis:
$ 6,95

Erscheinungsdatum:
17. November 2003



Prestige-One-Shots haben ihre ganz eigene DC-Tradition. Im Laufe des vergangenen Jahres erblickten mehrere Miniserien rund um Batman des Licht der Comicwelt, die jeweils eine eigene Grundidee für den Lauf einiger Monate weiter verfolgten. Prestige-One Shots können noch weiter gehen, sind noch weniger an Kontinuität und althergebrachte Erwartungsvorstellungen gebunden. Ohne Rücksicht auf Gelegenheitskäufer nehmen zu müssen, bieten One Shots Künstlern alle Freiheiten, intellektuelle und graphische Experimente zu wagen und ungewöhnliche Wege einzuschlagen. Doch um nicht zu theoretisch zu werden: Batman/Joker: Switch ist in vielerlei Hinsicht ein Musterbeispiel für alles, was es zu One Shots zu sagen gibt.
Devin Grayson, von jeher mit einem Faible für introspektive, psychologische Studien ausgestattet, tat sich mit Maler John Bolton zusammen, um eine ungewöhnliche Grundidee auf ebenso verquere Weise umzusetzen. Und, wie das wohl immer so ist, entweder zündet das Ganze, oder es geht grandios schief.

Der Joker ist in London. Bruce Wayne liest in der Zeitung davon, dass sein Erzfeind in Zusammenhang mit einer Reihe von Morden gesichtet wurde. Natürlich macht er sich sofort auf den Weg, um ihn dingfest zu machen. Doch überraschenderweise ist der Joker diesmal nicht aus Arkham ausgebrochen. Er wurde nach England überwiesen, um sich einem Experiment unterziehen zu lassen, dessen Ausgang den Joker selbst mit Schrecken und Entsetzen füllt. Jemand hat ihm etwas Grausames angetan, und der Joker kann nicht darüber lachen: Sein Lächeln scheint verschwunden zu sein - nein, sein ganzer Mund! Stattdessen befinden sich zwei grinsende Zahnreihen an der Rückseite seines Halses. Wahnsinn oder Traum, der Joker kann sich das nicht gefallen lassen und macht sich auf die Suche nach dem Urheber dieses Alptraums. Doch wie soll der König des Irrsinns Nachforschungen anstellen und Spuren verfolgen, wenn logisches Denken nicht gerade seine Stärke ist? Seine Besessenheit zu Batman lässt nur einen Schluss zu: Er muss selbst Batman werden, sein großes Vorbild, sein verhasster Held. Und schon bald findet er heraus, dass jemand ganz eigene Pläne mit ihm verfolgt, die nicht weniger erschreckend sind als seine eigenen Taten.



Von der ersten Seite an nehmen einen die grotesken Bilderwelten John Boltons gefangen. Maler und Autorin spielen die selbe Melodie, sie versetzen uns in Jokers Kopf. Wenige haben es bislang versucht, und die Anziehungskraft, die von Graysons Monologen ausgehen, ist nicht zu leugnen. In erschreckenden Caption-Boxen denken wir wie der Joker, sehen die Welt wie er, und vor Allem - kommen Schritt für Schritt auf die gleichen Gedanken wie er. Eine faszinierende und abstoßende Erfahrung gleichzeitig, die durch die morbiden, traumgleichen Gemälde Boltons nur verstärkt werden und einen tief in eine furchtbare Welt hinein tauchen.
Switch demonstriert, wie weit man im Prestige-Format von bekannten Wegen abweichen kann, die Ausgabe hätte durchaus im Vertigo-Label erscheinen können. Düster und beklemmend zwingen einen Worte und Bilder weiter und weiter zu lesen, und den Blick nicht mehr abzuwenden. Viele Panels bleiben einem noch lange nach dem Weiterblättern in Erinnerung, die Atmosphäre könnte dichter kaum sein und würde Lovecraft alle Ehre machen. Dass der Schauplatz nun unbedingt London sein musste, ist vielleicht ein etwas vordergründiger Effekt, um die Handlung noch eine Prise unberechenbarer zu machen.

Talent haben die beteiligten Künstler, das ist wohl unbestritten, doch worauf zielt es ab? Je weiter man sich in die Eingeweide der Handlung hinab gräbt, desto weniger scheint die Geschichte selbst zu funktionieren. Die chirurgische Operation, die am Joker vorgenommen wurde, ist ebenso wenig glaubhaft wie ernst zu nehmen - nachdem die erste Schrecksekunde überwunden ist. Jokers Versuch, Batman zu werden, ist ein interessanter Ausgangspunkt. Leider scheitert der detektivische Aspekt der Handlung daran, dass die Auflösung wenig Sinn macht.
Ohne Erklärungen wird alles wieder zurecht gerückt, und keinen Moment hat man das Gefühl, das bisher Gelesene richtig einordnen zu können. Sicher - dies dient wieder dem Zweck, die Welt des Jokers darzustellen, doch dazu hätte es auch ein Plot getan, der weniger überzeichnet daher kommt. Batman bleibt völlig konturlos, ein austauschbarer Muskelberg, der zum Auflösen der Handlung gebraucht wird. Und der neue Schurke hinter Allem wird einem nie nah gebracht, noch erfahren wir näheres über ihn. Dafür haben wir mit dem Joker einen Hauptdarsteller, der in der Opferrolle überraschend Mitleid ernten kann - weniger durch das, was ihm angetan wurde, als durch den Wahnsinn, in dessen Welt er immer gefangen ist und die sehr eindrücklich dargestellt wurde.

Letzten Endes scheitert Devin Grayson aber wieder mal an ihrer Überbegeisterung. Eine interessante Grundidee wird in einem Maße aufgebauscht, in dem sie nicht mehr ernst zu nehmen ist. Wäre das verschwundene Lächeln des Jokers nur eine Metapher gewesen, oder hätte der wahre Schurke hinter Allem irgendwelche Eigenschaften oder Absichten, außer eben krankhaft und böse zu sein, könnte man Switch als gelungenes intellektuelles Wagnis bezeichnen. So bleibt es bei einem verzweifelt bemühten und unausgereiften Versuch, aus allen Schienen auszubrechen, um jeden Preis.


Lukas "Ruppoman" Wilde


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